1992 in Afghanistan: Nach dem Abzug der russischen Truppen war das Land politisch instabil. Es herrschte Bürgerkrieg. Die Stadt Kabul war hart umkämpft. Als eine Bombe in das Haus ihrer Familie einschlug, hatte Waheeda Merza Mohammad keine Chance zu entkommen. Die Neunjährige wurde schwer verletzt. „Am ganzen Körper hatte ich Splitter der Bombe“, erinnert sie sich. Die folgenden zwei Jahre verbrachte sie in einem Krankenhaus in Afghanistan: „Ohne Aussicht darauf, dass es mir besser ging.“
1994 holte sie die Kinderhilfsorganisation Friedensdorf nach Deutschland. Die Elfjährige wurde im Hamburger Krankenhaus Alsterdorf behandelt. Drei Monate blieb sie dort und lernte dabei die Familie eines gleichaltrigen Mädchens aus Deutschland kennen, das ebenfalls dort im Krankenhaus lag. Eine Begegnung, die sechs Jahre später für Waheeda Merza Mohammad bedeutsam werden sollte.
2001 war sie wieder zur Behandlung in Hamburg. „Aus meiner Verletzung hatte sich eine chronische Schmerzkrankheit entwickelt.“ Sie traf die Familie wieder, die sie vor sieben Jahren kennen gelernt hatte. Und die handelte: Sie setzte sich dafür ein, dass Waheeda Merza Mohammad in Deutschland bleiben konnte, und wurde die Pflegefamilie der 17-Jährigen.
„In Afghanistan habe ich Russisch und Englisch gelernt. Deutsch habe ich damals nicht gesprochen, nur ein paar Worte verstanden.“ In ihrer neuen Heimat in der Nähe von Detmold besuchte Waheeda Merza Mohammad Sprachkurse. „Dann wurden meine Pflegeeltern auf das Josefsheim Bigge aufmerksam.“
Das Josefsheim in Olsberg-Bigge im Sauerland ist eine Rehaeinrichtung für Menschen mit Körper-, Lern- und Sinnesbehinderungen. Ab 2002 besuchte Waheeda Merza Mohammad dort das Heinrich-Sommer-Berufskolleg, wo sie ihre Sprachkenntnisse verbesserte und 2004 ihren Hauptschulabschluss machte. Im Anschluss nahm sie an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme teil. Danach stand fest: Trotz ihrer Schwierigkeiten mit der deutschen Schriftsprache konnte Waheeda Merza Mohammad eine Ausbildung zur Bürokraft beginnen.
Das Berufsbildungswerk des Josefsheims Bigge bildet junge Menschen mit Behinderung in 36 verschiedenen Berufen aus. Die Auszubildenden werden individuell gefördert. Während der Ausbildung profitieren sie von sozialpädagogischer und psychologischer Begleitung. Sie wohnen im Internat des Berufsbildungswerks oder lernen in kleinen Wohngruppen in Bigge selbstständig zu leben. Ein Integrationsdienst unterstützt sie bei Kontakten mit möglichen Arbeitgebern oder mit der Arbeitsagentur.
Ehrgeiz und Motivation – mit diesen Eigenschaften ist Waheeda Merza Mohammed immer wieder aufgefallen. Nicht nur den anderen Auszubildenden, denen schon bald klar war, dass die junge Frau ihre Ausbildung zum Vollberuf Bürokauffrau aufstocken würde, sondern auch den Ausbildern. Nach ausführlichen Berichten des Berufsbildungswerks stimmte die zuständige Arbeitsagentur in Detmold dieser Aufstockung schließlich zu, obwohl Waheeda Merza Mohammad ihren Abschluss als Bürokraft 2008 nicht mit dem dafür nötigen Notendurchschnitt ablegen konnte. Sie konnte zwei weitere Jahre in Bigge bleiben und sich weiter qualifizieren.
„Ich möchte für mich selbst sorgen können. Ich möchte unabhängig sein“, begründet die heute 26-Jährige, die seit knapp einem Jahr deutsche Staatsbürgerin ist, ihren Ehrgeiz. Im Sommer wird sie ihre Abschlussprüfung machen. „Ich möchte die Zeit bis dahin nutzen, möglichst viel für mich zu erreichen.“ Eine Arbeit im Marketingbereich würde ihr Spaß machen – und wieder ist der Ehrgeiz in ihrer Stimme spürbar, wenn Waheeda Merza
Mohammad das sagt.




